Corona-News # 25: Die Prüfung der Going Concern – Prämisse durch den Abschlussprüfer in Corona-Zeiten (Stand: 22. April 2020)

Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus hat auch Konsequenzen für den Prozess der Abschlussprüfung einschließlich der Kommunikations- und Berichterstattungspflichten des Abschlussprüfers. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Ausbreitung des Coronavirus ein Ereignis darstellt, das bedeutsame Zweifel an der Fähigkeit des Unternehmens zur Fortführung der Unternehmenstätigkeit aufwirft. In diesem Beitrag im Rahmen unserer Artikelserie „Corona-News“ gehen wir darauf ein, wie der Abschlussprüfer grundsätzlich mit dieser Thematik aktuell umgeht.
(WP/StB Carsten Ernst, WP Stefan Knab)

Die folgenden Ausführungen beziehen sich im Wesentlichen auf den fachlichen Hinweis des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW) mit dem Titel „Auswirkungen der Ausbreitung des Coronavirus auf die Rechnungslegung und deren Prüfung“ (im Folgenden kurz „Corona-Hinweis“) vom 25. März 2020.

Grundsätzlich sind bei Ereignissen oder Gegebenheiten, die bedeutsame Zweifel an der Fähigkeit des Unternehmens zur Fortführung der Unternehmenstätigkeit aufwerfen können, zusätzliche Prüfungshandlungen erforderlich, um die von den gesetzlichen Vertretern vorgenommene Einschätzung der Fähigkeit zur Unternehmensfortführung bzw. das Vorliegen eines bestandsgefährdenden Risikos und der Angemessenheit diesbezüglicher Angaben im Abschluss und Lagebericht zu beurteilen.

Nach Auffassung des IDW in seinem Corona-Hinweis können im Einzelfall beispielsweise folgende Prüfungshandlungen von besonderer Bedeutung sein:

• Aufforderung der gesetzlichen Vertreter – soweit noch nicht erfolgt –, eine entsprechende Einschätzung unter Berücksichtigung aller auch nach dem Abschlussstichtag eingetretener Entwicklungen wie bspw. weiterer Einschränkungen der Reise- und Bewegungsfreiheit und damit zusammenhängender neuer Lieferengpässe oder Absatzprobleme, aber auch konkretisierter und belastbarer Aussagen der Bundesregierung bzw. der Landesregierungen zur Einräumung von Stützungsmaßnahmen (z.B. Übernahme von Lohnkosten und Sozialabgaben von der Bundesagentur für Arbeit, staatliche Garantien und Liquiditätshilfen in Form des erleichterten Zugangs zu Krediten und Bürgschaften bei der KfW-Bank, Aussetzung der Insolvenzantragspflicht), vorzunehmen; entsprechendes gilt bei wesentlichen Auslandsaktivitäten für etwaige Stützungsmaßnahmen in anderen Staaten,

• Beurteilung der Pläne der gesetzlichen Vertreter zum Umgang mit den aufgetretenen Engpässen, Beschränkungen und Absatzproblemen, auch unter Berücksichtigung etwaiger bestehender vertraglicher und/oder gesetzlicher Leistungsverweigerungsrechte,

• Beurteilung, ob die Voraussetzungen für eine beabsichtigte Inanspruchnahme von staatlichen Hilfsmaßnahmen erfüllt sind,

• Befragung der Rechtsberater des Unternehmens zum Bestehen und zur Einschlägigkeit sog. „Material Adverse Effect“- bzw. „Force Majeure“-Klauseln in bestehenden Verträgen, die das Unternehmen oder den Vertragspartner u.U. aufgrund der Folgen der Corona-Pandemie temporär oder vollständig von ihren Leistungspflichten befreien könnten,

• Durchsicht von Kreditgewährungsklauseln und Darlehensverträgen und Feststellung, ob hiergegen bereits verstoßen wurde,

• Beurteilung, ob die Möglichkeit zur Zahlungsverweigerung aufgrund gesetzlicher und/oder vertraglicher Regelungen besteht,

• Einholung von Bestätigungen des Vorhandenseins, der Rechtsgültigkeit und der Durchsetzbarkeit von Verträgen mit nahestehenden Personen und Dritten über die Bereitstellung oder Aufrechterhaltung finanzieller Unterstützung sowie Beurteilung deren finanzieller Möglichkeiten, erforderliche Mittel zur Verfügung zu stellen.
Der Umfang und die Intensität der in Bezug auf die Going Concern-Prämisse erforderlichen Prüfungshandlungen ist immer im Einzellfall unter Berücksichtigung der konkreten Umstände zu würdigen und kann nicht pauschal im Vorfeld festgelegt werden.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass bei der Beurteilung der Angemessenheit der Going Concern-Prämisse eine Ausnahme vom Stichtagsprinzip gilt, so dass ein Abschluss auch dann nicht mehr nach Unternehmensfortführungsgesichtspunkten aufgestellt werden darf, wenn die Ursache für die Abkehr von der Annahme der Fortführung der Unternehmenstätigkeit erst nach dem Abschlussstichtrag eingetreten ist.

Darüberhinausgehend sind bei der Beurteilung der Annahme der Unternehmensfortführung die seitens der Bundesregierung und der Landesregierungen getroffenen Aussagen über die Durchführung von Unterstützungsmaßnahmen zu berücksichtigen, wenn die Äußerungen konkretisiert und belastbar sind. Dies findet auch dann Anwendung, falls zum Zeitpunkt der Erteilung des Bestätigungsvermerks noch erforderliche rechtliche Schritte ausstehend sind, aber von deren Umsetzung ausgegangen werden kann.

Der alleinige Hinweis auf die bis Ende September 2020 suspendierten Insolvenzantragspflichten ist für die Annahme der Fortführungsprognose u.E. nicht ausreichend, da für diese Frage ein Prognosezeitraum von mindestens 12 Monaten zu Grunde zu legen ist.

Bei der Einschätzung der Fähigkeit des Unternehmens zur Fortführung der Unternehmenstätigkeit sollte eine Szenarienbetrachtung der Finanz- und Liquiditätsplanung als Entscheidungsgrundlage dienen.

Das IDW weist in seinem Corona-Hinweis darauf hin, dass im Rahmen der folgenden Maßnahmen von einer Normalisierung der wirtschaftlichen Gesamtsituation ab dem 2. Halbjahr 2020 ausgegangen wird:

– Der Bemessung der Frist des jüngst eingeführten temporären Leistungsverweigerungsrechts liegt die Annahme zugrunde, dass die pandemiebedingten Beschränkungen des Wirtschaftslebens in absehbarer Zeit ab der zweiten Jahreshälfte 2020 schrittweise aufgehoben werden können und die damit verbundenen Folgen sodann schrittweise abgemildert werden.
– Zu den wesentlichen Voraussetzungen des KfW-Sonderprogramms „Unternehmerkredit“ gehört es, dass unter der Annahme einer sich wieder normalisierenden Gesamtsituation („wie vor der Krise“) die Durchfinanzierung bis zum 31.12.2020 voraussichtlich gegeben ist.

Soweit ein Unternehmen bei seiner Prognose der künftigen Entwicklung auch von dieser Annahme ausgeht (schrittweise Aufhebung der pandemiebedingten Beschränkungen des Wirtschaftslebens in absehbarer Zeit ab der zweiten Jahreshälfte 2020 und daher sukzessive Abmilderung der mit den Beschränkungen verbundenen Folgen), wird der Abschlussprüfer dies nach Ansicht des IDW grundsätzlich nicht beanstanden.


CARSTEN ERNST

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Abschließender Hinweis
Die Ausführungen in diesem Sonderrundschreiben dienen lediglich der allgemeinen Information und stellen keine rechtliche und sonstige Beratung für konkrete Einzelfälle dar. Bei individuellen Sachverhalten empfehlen wir die Einholung von auf diese Sachverhalte bezogenem Rat. Hierfür stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.